Cimi Info 927.doc
Indigenes Lager Terra Livre in Campo Grande (MS) beendet
Heute, 19.8., ging das 7. Lager Terra Livre zu Ende: vier Tage Versammlung, Begegnung, Treffen von Verwandten, Diskussionen, Suche nach Lösungen. Die Indios unterstrichen die Bedeutung der Demarkierung der Gebiete für die Bewahrung ihrer Kultur, für das Leben in der Gemeinschaft und für die Selbstversorgung. Mit einem Marsch durch die Straßen von Campo Grande schloss das Treffen.
Eröffnet wurde Terra Livre am 16.8. mit einer Pressekonferenz, bei der die indigenen Völker ihre Anliegen präsentierten. Laut Koordinatoren des Lagers sei die Garantie der traditionellen Gebiete im ganzen Land am wichtigsten. Sie kritisierten, dass die in der Verfassung verankerten indigenen Rechte nicht respektiert werden.
Anastácio Peralta, der Vertreter der Guarani Kaiowá beklagte die herrschenden Vorurteile im Bundesstaat Mato Grosso do Sul. „Hier ist ein Stier mehr wert als ein Kind! Dieser Bundesstaat muss reformiert werden!“ Als vorrangige Themen des Lagers bezeichnete er Land, Bildung und Gesundheit.
Landproblem in Mato Grosso do Sul
Am zweiten Tag skizzierte der Vertreter der Bundesstaatsanwaltschaft, Marco Antônio Delfino, die Geschichte der indigenen Völker im Bundesstaat und ging auf die aktuelle Situation infolge des Landmangels, auf Diskriminierung und Gewalt gegen die Guarani Kaiowá, Terena, Guató, Guarani Ñandewa und andere Gemeinschaften ein.
Nach Angaben des Staatsanwalts leben 68.000 Indios auf 0,5 % des Territoriums in Mato Grosso do Sul und bei den Auseinandersetzungen um Land ist immer ein landwirtschaftlicher Großbetrieb beteiligt. Einige Gemeinschaften leben entlang der Straßen, ohne Möglichkeiten, ihren Unterhalt zu erwirtschaften und ihre traditionelle Kultur zu pflegen. Die viel zu kleinen Gebiete sind ein Grund für die Zerstörung der sozialen Organisation. „Es gibt viel Gewalt, daneben kommt es zu internen Konflikten und viele Jugendliche zieht es in die Stadt, wo es keine Lebensperspektive für sie gibt“, sagte der Staatsanwalt.
Die Gewalt ist sehr belastend. Laut Marco Antônio gibt es 140 Morde je 100.000 Einwohner im indigenen Gebiet Dourados.
Missstände
Farid, eine Vertreterin der Gemeinschaft Laranjeira Ñanderu informierte über die traurige Realität ihres Volkes, das seit fast zwei Jahren am Rand der Straße zwischen Campo Grande und Dourados lagert. „Viele Säuglinge starben, viele sind krank, weil es kein Wasser, keine Lebensmittel gibt. Wir sind dort, um zu sterben“.
Die fehlende Demarkierung der Gebiete stand im Mittelpunkt der Debatten. Eliseu Guarani ist der Ansicht, dass die territoriale Regelung die Gewalt mindern würde: „Wir leiden unter großer Gewalt. Unsere Vertreter werden ermordet. Damit wäre Schluss, wenn wir wieder in unsere Gebiete zurück könnten. Wir werden weiter dafür kämpfen. Wir werden in unsere Gebiete zurück kehren“.
Elvisclei Polidoro, Terena von der Gemeinschaft Cachoeirinha, übte Kritik an der FUNAI, „die sich ganz nach der Politik im Bundesstaates richtet. Die FUNAI ist gegen die Indios und zeigt uns sogar bei der Bundespolizei an, wenn wir uns für die Rückgewinnung unserer Gebiete einsetzen“.
Systematische Gewalt
Im Dokument, das an die Kandidaten für die Präsidentschaft der Republik sowie an nationale und internationale Menschenrechtsorganisationen übermittelt wird, zitierten die Teilnehmer von Terra Livre den Slogan, der im Bundesstaat weit verbreitet ist: „Produktion ja, Demarkierung nein“.
Die Bildungsexpertin, Drª Iara Tatiana Bonin bezeichnet das als institutionellen Rassismus. „Die systematische Gewalt in den letzten Jahren führt zum Schluss, dass sich im Bundesstaat institutioneller Rassismus breit macht, durch Aktionen ziviler Gruppen und Unterlassungen der öffentlichen Hand“.
Die vielen Fälle von Verletzungen der Rechte der indigenen Völker in Mato Grosso do Sul zeigt, wie die Bundesregierung die Anliegen dieser Völker behandelt, etwa bei der Demarkierung der traditionellen Gebiete. Die Gemeinschaften werden ignoriert, während Großgrundbesitzer oder die lokale Bevölkerung, die gegen die Indios ist, unterstützt werden.
Laut Bericht über die Gewalt gegen die Indigenen Völker in Brasilien 2009 wurden im Vorjahr 33 Indios in Mato Grosso do Sul ermordet. Das sind 54% der 60 Fälle, die im Dokument des CIMI erfasst sind.
Die Politik ist von Unterlassungen geprägt. „Im Bundesstaat gibt es seit 2003 die höchste Gewaltrate und es wird nichts dagegen unternommen. In der Region gibt es viele Ethanolfabriken, sowohl in demarkierten als auch in identifizierten indigenen Gebieten“, sagte Egon Heck vom CIMI Regional Mato Grosso do Sul.
Der CIMI wirft der Bundesregierung Nachlässigkeit und Verzögerung bei der Identifizierung, Demarkierung und Homologation indigener Territorien vor. In Mato Grosso do Sul sollten laut Vertrag mit der FUNAI die Regelung von mindestens 20 Gebieten seit mehr als einem Jahr abgeschlossen sein. Sechs Arbeitsgruppen zur Identifikation wurden von der FUNAI eingesetzt, aber aufgrund von rechtlichen Schritten seitens der Fazendeiros, die traditionelles Land beanspruchen, ruhen die Erhebungen. „Das Ausschöpfen von Rechtsmitteln ist die letzte Strategie, um die Identifikation zu verhindern“, so Egon Heck.
Schlussdokument
Die Teilnehmer bekräftigen ihre Solidarität mit den Völkern in Mato Grosso do Sul. „Vereint durch die gleiche Geschichte, die gleichen Probleme, Drohungen, Herausforderungen, Hoffnungen und durch den gemeinsamen Willen im Einsatz für unsere Rechte, kamen wir aus unterschiedlichen Regionen des Landes, um uns mit den indigenen Völkern dieses Bundesstaates zu solidarisieren, die sich unermüdlich für ihre Rechte einsetzte, vor allem auf Leben und auf Mutter Erde“.
Im Dokument sind die Forderungen der Völker im Bereich Gesundheit, Bildung, Recht auf Land und Großprojekte zusammengefasst. Zur Sprache kommen Vernachlässigung, Elend, Diskriminierung, Kriminalisierung und Ermordung von indigenen Vertretern.
Das von der Regierung propagierte Wirtschaftswachstum ist für die meisten Völker in Brasilien nicht spürbar. „In Regionen, wie Mato Grosso do Sul leben die Gemeinschaften Guarani Kaiowá zusammengepfercht auf kleinen Landstreifen oder am Straßenrand. Sie warten auf die Demarkierung ihrer Gebiete, die für die Landwirtschaft, Zuckerrohr- und Eukalyptusplantagen beansprucht werden. Öffentliche Organe handeln zögerlich oder bleiben untätig“.
Im Bezug auf indigene Gebieten wird eine Arbeitsgruppe gefordert, um die Verfahren der Demarkierung zu beschleunigen, zudem Garantie von Sicherheit in indigenen Gebieten.
Weitere Forderungen
Die Teilnehmer wollen eine indigene Gesundheitsbetreuung für alle Indios, unabhängig ob sie in Aldeias, demarkierten Gebieten, Lagern oder Städten leben, unter Berücksichtigung des traditionellen Wissens sowie den Einsatz von medizinischen Pflanzen bei der Behandlung.
Die Gemeinschaften wollen qualifizierte, differenzierte Bildung in den Aldeias oder in deren Umgebung, die den Erfordernissen des jeweiligen Volkes Rechnung trägt und die entsprechend mit Infrastruktur und Ressourcen ausgestattet ist.
Im Schlussdokument werden auch das Dekret 7.056/2009 über die Restrukturierung der FUNAI sowie Großprojekte im Rahmen des Programms für beschleunigtes Wachstum der Bundesregierung erwähnt. In diesem Kontext wird ganz besonders die Beachtung brasilianischer und internationaler Gesetze in Bezug auf die indigenen Völker gefordert, wie die Bundesverfassung, die Erklärung der Menschenrechte und die Konvention 169 der ILO.
CIMI – Indigener Missionsrat